Menschen sind keine
ferngesteuerten Roboter – aber beeinflussbar
Wolf Erhardt über die
Manipulationen durch andere und die Tricks ihnen zu entgehen
Der Mensch ist
beeinflussbar. Ob er es will oder nicht. Wie diese Mechanismen funktionieren,
beschreibt der Autor Wolf Erhardt in „Ich mache doch, was ich nicht will“
(BusinessVillage) auf sehr unterhaltsame und anschauliche Art. Mit dem Appell
an die Gefühle klappt die Manipulation weit besser als über Zahlen und Fakten.
Hilfsorganisationen wie World Vision machen es vor. „Werden Sie Pate“ heißt es
in Flyern mit schön fotografierten Kindern. Erhardt zeigt aber auch, wie wir
andere einspannen können. Im Tennisclub wird ein Gärtner gesucht. Die Frage
sollte lauten: „Wer, liebe Freunde, hat keine Lust, am nächsten Wochenende den
Gärtner zu spielen?“ Der Autor garantiert mit der negativ formulierten
Fragestellung Erfolg.
Gruppen üben Druck aus.
Jeder kennt die Gruppendynamik. Zum Beispiel wenn an einem Unfallort Hunderte
vorbeifahren, ohne zu helfen. Dabei muss folgendes beachtet werden: „Große
Gruppen bieten also, entgegen aller Annahmen einen geringeren Schutz als
kleinere Gruppen.“ So, der Verfasser, denn eine große Masse wolle nicht
unbedingt selbstlos sein.
Auch in Restaurants wird
verführt. Wenn der Preis für Vorspeisen total überhöht ist, nimmt der Gast
lieber das Hauptgericht für 55,70 Euro. Im Vergleich zu 28,50 Euro für die
Vorspeise erscheint das eher nachvollziehbar. Obwohl dieser Vergleich unlogisch
ist.
Heutzutage boomen visuelle
Reize via Youtube und TV. In der Neurowissenschaft und der Psychologie wurde
herausgefunden, dass ein Werbefilm eine Taktung von drei Sekunden braucht, um
anzukommen. Egal, um welchen Inhalt es sich handelt. Das Unbewusste reagiert
automatisch darauf. „Forscher vermuten, dass der Dreisekundentakt notwendig
ist, um so etwas wie Empathie aufzubauen, also einen gemeinsamen
zwischenmenschlichen Nenner“, so Wolf.
Ist der Mensch ein willenloses
Wesen? Teilweise ist das in dem Sachbuch zu vermuten, denn der Betriebswirt
meint, dass Menschen dressierbar seien wie Ratten. Bei Soldaten, die auf Drill
und Kommandos wie Roboter reagieren (müssen), mag das zutreffen. Doch wie
lautet der Weg aus dem Dilemma? Im Bewusstwerden, im Nachfragen, in der
Änderung des eigenen Verhaltens. Ein Autohändler verkauft Käufern weniger
Extras, wenn er beim Kunden zuhause ist als im Autohaus zwischen blinkendem
Chrom.
Und noch ein aktuelles
Phänomen beleuchtet Erhardt. Das der virtuellen Welt, in dem so viele präsent
sein wollen. Es ist absurd zu glauben, weniger wert zu sein, wenn die Anzahl
der „Freunde“ bei Facebook niedrig ist. Manche meinen, sie seien nur existent,
wenn sie im Netz stattfinden und chatten, twittern etc. Erhardt nennt das
„Social Bullshit“ und eine falsche Konditionierung. Wenn das oft genug
eingeredet wird, wird es auch geglaubt. Das Web 2.0 manipuliert uns. Werber
versprechen sich etwas von Facebook-Teenies, andere bleiben wie Süchtige in der
virtuellen Welt. Man könnte ja etwas verpassen. Wir konsumieren alles, ohne
zwischen echten Informationen und Datenschrott zu differenzieren. Zudem
gebärden sich vor allem Schüchterne im Netz unter dem Deckmantel der Anonymität
wie Berserker.
Wie kann sich der Mensch der
Manipulation entziehen? Gelassenheit ist einer der Schlüssel dazu. Wer sich
aufregt, gibt dem anderen schon zu 50 Prozent Recht. Wolf Erhardt hält
Gleichmut für einen wesentlichen Faktor, um Beeinflussung zu erkennen. Und, so
der Autor weiter: „Menschen, die innere Ruhe ausstrahlen, werden seltener Opfer
gezielter Manipulationen.“
Das Buch ist ein Streifzug
durch die Psyche und die evolutionsbiologische Programmierung des Menschen verknüpft mit den modernen
Verführungen durch Geld, Internet, Konsumgüter. Erhardt zeigt intelligent und
leicht verständlich an Beispielen auf, wie der Einzelne den Verführungen
entgehen kann.
© Corinna S. Heyn
Wolf Erhardt,
Ich mache
doch, was ich nicht will.
Wie wir
täglich manipuliert werden und wie wir uns dagegen wehren können.
BusinessVillage
2011-10-21
www.BusinessVillage.de